Clara in Tarija

BKHW: Bei welcher Einsatzstelle warst du?
Clara: Ich habe meinen Freiwilligendienst bei Vida Digna, einem Mädchenhaus in Tarija, gemacht.
BKHW: Was waren deine Aufgaben?
Clara: Ich hatte zwei Hauptaufgaben: einerseits unterstütze ich die Mädchen bei allem Schulischen und andererseits betreute ich die zwei jährigen Töchter der jungen Mütter.
Vor allem habe ich den Mädchen bei ihren Hausaufgaben geholfen, mit ihnen Englisch gelernt und mit den Mädchen, die damals nicht in die Schule gehen konnten, zählen, lesen, schreiben und rechnen geübt. Immer wieder habe ich die Mädchen zu Schulveranstaltungen begleitet oder sie an den Tagen der offenen Tür in den Schulen besucht. Besonders oft habe ich ein Mädchen, die eine inklusive Schule besucht, zu Aktivitäten an ihrer Schule begleitet.
Die drei kleinen Mädchen habe ich vor allem dann betreut, wenn ihre Mütter in der Schule waren. Wir haben viel im Spielzimmer und im Garten von Vida Digna gespielt, gemalt und uns bewegt.
Über die Zeit hatte ich das große Glück, zu den Mädchen eine enge Bindung und Freundschaft aufbauen zu können. Dadurch wurde es zu meiner wichtigsten Aufgabe, den Mädchen zuzuhören, Stütze zu sein, aber auch ganz viel gemeinsam zu lachen und schöne Erinnerungen zu schaffen.
BKHW: Wie oder wo hast du gewohnt?
Clara: Ich habe bei meiner Kollegin und ihrer damals 15-jährigen Tochter gewohnt. Die Erfahrung, bei einer bolivianischen Gastfamilie leben zu dürfen, war für mich sehr bereichernd. Ich konnte durch sie viele bolivianische/tarijenische Traditionen und die Kultur besser kennenlernen. Mein bolivianisches Zuhause hat sich auch immer wie ein sicherer Ort angefühlt. Es war sehr schön, dass ich nicht nur bei Marlene gewohnt, sondern auch mit ihr gearbeitet habe. Ich möchte an dieser Stelle auch kurz anmerken, dass ich mich persönlich vom Team vor Ort sehr herzlich aufgenommen fühlte und mit ihm über alles sprechen konnte. Auch meine Kolleginnen haben mich manchmal zu ihren Familien mitgenommen. Dadurch konnte ich weitere bolivianische Lebensrealitäten ein bisschen kennenlernen.
BKHW: Was war das Unerwartetste, das du während deines Freiwilligendienstes gelernt hast – nicht über das Land oder die Kultur, sondern über dich selbst?
Clara: Ich habe während meiner Zeit bei Vida Digna eine neue Form der eigenen Belastbarkeit bemerkt. Ich habe immer sehr gern bei Vida Digna gearbeitet und habe die Zeit als sehr intensiv in Erinnerung. Die Geschichten der Mädchen und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt machten mich sehr betroffen. Darüber hinaus war es sehr herausfordernd, alle Mädchen zwischen 2 und 17 Jahren angemessen zu unterstützen.
Ich erinnere mich an eine Situation, als ein Mädchen versuchte, sich vor den anderen Mädchen, dem Team und mir zu verletzen. Ich wäre vor meinem Aufenthalt nie davon ausgegangen, dass es möglich ist, in solchen Situationen einen „kühlen Kopf“ zu bewahren und unter Druck weiter zu funktionieren.
Aber die Zeit in Bolivien hat mich auch darin bestärkt, noch mehr zu meinen eigenen Gefühlen und Emotionen zu stehen. Die Geschichten der Mädchen sind immer schrecklich und trotzdem habe ich mich lange nicht getraut, meine wirklichen Emotionen zu zeigen, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt haben. Erst in den letzten Monaten meines Freiwilligendienstes habe ich angefangen, bei einer besonders schlimmen Erzählung zu weinen. Die Mädchen haben mir daraufhin erzählt, dass sie es eigentlich sehr schön finden, wenn man seine Gefühle in so einem Moment zeigt und dass es der Psychologin im Zentrum manchmal ähnlich geht.
BKHW: Wenn du deinem jüngeren Ich, bevor du dich für den Freiwilligendienst entschieden hast, einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
Clara: Ich bin meinem jüngeren Ich sehr dankbar, sich damals für einen Freiwilligendienst beim BKHW entschieden zu haben. Ich habe gegen Ende meines Aufenthaltes bereut, nie die Geschichten der Mädchen mitgeschrieben zu haben, als sie mir von ihren Erlebnissen erzählt haben. Immer wieder habe ich mit dem Team über die Erzählungen gesprochen. Als ich aber an einem meiner letzten Arbeitstage mit der Anwältin im Zentrum nochmal alle Geschichten für anstehende Gerichtsverhandlungen durchgegangen bin, konnte ich mich leider nicht mehr an jedes Detail sicher erinnern.
Als einen allgemeinen Rat würde ich meinem jüngeren ich sagen, immer Ruhe zu bewahren. Am Ende ist alles immer gut ausgegangen, auch wenn manche Momente stressig oder aufwühlend waren.
Ruhe zu behalten ist auch von Vorteil im bolivianischen (Arbeits-) Alltag. Ich habe viel als sehr spontan erlebt. Sich daran zu gewöhnen, hat ein bisschen Zeit gebraucht.
Natürlich hat es auch Zeit und Geduld gebraucht, zu den Mädchen ein enges und vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Das war vorallem ein starker Kontrast zu der Woche, die ich ganz zu Beginn in Sucre im T´ikarispa verbracht habe. Dort habe ich die Kinder von Anfang an als sehr offen empfunden. Die Schüchternheit der Mädchen in Tarija hat mich am Anfang verunsichert. Ich habe später verstanden, dass das Verhalten der Mädchen in den extremen Vertrauensbrüchen begründet ist, die sie durch Familienmitglieder erfahren haben. Zu Beginn meiner Zeit im Mädchenhaus habe ich viel Zeit mit den kleinen Mädchen verbracht. Die älteren Mädchen haben mir später erzählt, dass sie Vertrauen zu mir fassen konnten, als sie gesehen haben, wie liebevoll und herzlich ich mit den kleinen Kindern umgegangen bin.
BKHW: Welches "Souvenir" (im übertragenen Sinne) hast du aus deinem Freiwilligendienst mitgenommen, dass du für immer behalten wirst?
Mein wichtigstes „Souvenir“ sind die Beziehungen und Freundschaften, die zu den Mädchen und dem Team entstanden sind und die hoffentlich ein Leben lang halten werden. Zum Abschied habe ich einen Brief vom Team bekommen, in dem stand, dass ich eine der ersten Personen war, zu der die Mädchen wieder Vertrauen gefasst haben und die mitgeholfen habe, ihre Herzen zu heilen. Dieser Brief hat mich sehr bewegt und bedeutet mir auch als „Souvenir“ sehr viel. Die Bindung zu den Mädchen hat mich motiviert, sie weiterhin zu unterstützen. In Anlehnung an den Brief habe ich deswegen das Projekt „Vertrauen schenken, Herzen heilen“ in Kooperation mit der Stiftung Johana ins Leben gerufen. Es ermöglicht interessierten Mädchen aus Vida Digna ein Studium oder eine Ausbildung zu machen. Es bedeutet mir sehr viel zu sehen, dass viele Menschen dieses Projekt finanziell und ideell unterstützen. Dadurch wird mir deutlich, wie viel man bewegen kann, wenn mehrere Menschen zusammen helfen. An dieser Stelle möchte ich mich auch BKHW bedanken, dass das BKHW die interessierten Mädchen in das Projekt La Vida Sigue integriert hat.
Die Erfahrungen in Bolivien haben mich auch dazu motiviert, in Zukunft in internationalen Beziehungen zu arbeiten und dafür zum Studium ins Ausland zu gehen. Während meines Studiums merke ich, dass ich Themen, die Lateinamerika betreffen, besonders interessant finde.
Die Zeit in Bolivien hat mir sehr geholfen, meinen eigenen Horizont zu erweitern. Ich bin mir sicher, ein Freiwilligendienst im Ausland ist eine tolle Möglichkeit, über den „eigenen Tellerrand" zu schauen.
BKHW: Angenommen, du könntest eine Sache, die du in Bolivien gelernt hast, sofort in Deutschland einführen – was wäre das und warum?
Clara: Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir die bolivianische Herzlichkeit, die mir in persönlichen Beziehungen begegnet ist: in Vida Digna, bei meiner Gastfamilie, bei meiner Spanischlehrerin aus Sucre und natürlich auch bei Liz und Katya (der damaligen Koordinatorin in Tarija) vom BKHW. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Ganz besonders Liz’ Art, ihr Verhalten, ihre Freundlichkeit und Herzlichkeit hat mich sehr beeindruckt.
Auch die bolivianische Fehlerkultur hat mir gut gefallen und würde mich freuen, wenn ein ähnlicher Umgang mit Fehlern in Deutschland herrschen würde. Das Gefühl, Fehler machen zu dürfen, hat mir sehr viel Sicherheit gegeben und dadurch habe ich mich immer getraut, alle Unsicherheiten anzusprechen.
BKHW: Beschreibe dein Freiwilligenjahr in drei Hashtags
Clara: #prägend #Dankbarkeit #intensiv
Ich möchte mich ganz herzlich beim BKHW für das Mitplanen und Begleiten meines Freiwilligendienstes bedanken.
Am meisten gefallen hat mir das ehrliche und herzliche Lachen der Mädchen und ihr Mut immer weiterzumachen. Die Mädchen und das Team bei Vida Digna haben mir gezeigt, dass es überall auf der Welt starke Frauen gibt, die sich für eine sichere, faire und gleichberechtigte Welt einsetzen.


