News

Zwischenstopp T´ikarispa

Lilian hat unsere Partnerorganisation T´ikarispa während ihrer Reise um die Welt für 1 Monat unterstützt. Wie es ihr ergangen ist und warum so ein kurzer Aufenthalt eigentlich kritisch zusehen ist, lest ihr hier:

Mit einer Willkommensparty wurde ich empfangen. Es gab Tanzeinlagen, gebastelte Plakate, Geschenke, herzliche Worte und viele Umarmungen von vielen kleinen und großen Kinderarmen. Die Liebe und Dankbarkeit, dir mir so überschwänglich entgegengebracht wurde, überforderte mich etwas. Gedanken wie “kann ich überhaupt diesem Vorschuss an Vertrauen, Wertschaetzung und Dankbarkeit gerecht werden?” schossen mir durch den Kopf. Ausserdem hatte ich Angst, dass ich in einem Projekt gelandet sein könnte, in dem ich als “weiße Helferin” als Superstar verehrt werden würde. Zum Glück aber wurde mir schnell klar, dass die Wertschätzung für die Arbeit von Kindern und Kolleg*innen allen gleichermaßen entgegengebracht wurde. Ich wurde als normale Kollegin behandelt und darüber war ich sehr froh. Ich bin den Kolleg*innen sehr dankbar, dass sie mir, ohne mich zu kennen, vollstes Vertrauen in meine Kompetenz und in meine Person entgegengebracht haben. Ich musste mich nicht erst beweisen. Das kenne ich von anderen Arbeitsstellen anders. So herzlich, lustig und wertschätzend wurde ich noch nie irgendwo aufgenommen.

Meine Arbeit war sehr vielseitig. Mit vielen Freiheiten durfte ich selbst entscheiden, in welchem zeitlichen Umfang und in welchen Bereichen ich mich einbringen wollte. Ich konnte allen Ideen freien Lauf lassen und wenn ich Unterstützung brauchte, war das tolle Team immer schnell dabei. Meist arbeitete ich von 12 bis 18 Uhr, um das Loch in der Mittagspause etwas zu füllen. Ich unterstützte die Kinder bei ihren Schulaufgaben, begleitete die alltäglichen Abläufe wie Zähneputzen, Mittagessen, Aufräumen ect.  Aussserdem spielte ich mit den Kindern, die mit ihren Aufgaben fertig waren, Gruppenspiele im Hof oder  bot andere niedrigschwellige Angebote an. Einige Kinder lernten ein bisschen Gitarre. Zum Muttertag studierten wir ein Lied ein. Ab und zu bekam ich kleine Aufträge von meinen Kolleg*innen, doch meist suchte ich mir die Aufgaben selbst. Ich kann sehr gut in einer Arbeitsumgebung mit vielen Freiheiten arbeiten und habe mich direkt eingefunden. Ansprechpartner*innen standen mir immer zur Verfügung, alle fühlten sich für mich mit verantwortlich. So auch meine Freiwilligenkoordinatorin, sie begleitete mich  am Anfang zu allen Dingen und erkundete sich auch fortlaufend regelmäßig nach mir. An den Teamsitzungen mit den anderen Freiwilligen konnte ich auch teilnehmen und so Kontakt zu anderen Freiwilligen knüpfen. Ich profitierte sehr von den strukturellen Gegebenheiten für Freiwillige und den Erfahrungen von meinem Team mit anderen Freiwilligen. So konnte ich z.B. auch spontan direkt bei einer Gastfamilie einziehen.

Kann ich Freiwilligenarbeit für so kurze Zeit empfehlen?

Als ich auf der Webseite des Bolivianischen Kinderhilfswerk las, dass der Zeitraum für ein Jahr für die Freiwilligenarbeit verpflichtend ist, wusste ich, dass ich hier richtig bin. Das sprach für mich sehr für das  Bolivianische Kinderhilfswerk. Kern Paedagogischer Arbeit ist Beziehungsarbeit. Gerade Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, die nicht ständig wechseln. Deshalb steh ich pädagogischer Freiwilligenarbeit für ein Auslandsjahr grundsätzlich sehr kritisch gegenüber. Deshalb, und auch aus Angst davor, postkoloniale Strukturen zu unterstützen, hatte ich mich für mein persönliches Auslandsjahr auch zunächst gegen soziale Arbeit im Ausland entschieden. Nachdem ich viel auf dem Land gearbeitet hatte, war ich aber neugierig auf die Arbeit geworden, die ich normalerweise auch in Deutschland mache. Was wohl anders läuft? Außerdem erinnerte ich mich selbst daran, dass ich nun ja auch eine ausgebildete Sozialarbeiterin mit Berufserfahrungen in diesem Bereich bin und dass es deshalb vielleicht auch okay ist, mich für nur kurze Zeit einzusetzen. Ich war deshalb sehr froh, über die Zusage. Für mich war diese Möglichkeit in vielerlei Hinsicht sehr attraktiv. Ich konnte sehr kurzfristig kommen, profitierte davon, dass  es die Struktur für die Begleitung von Freiwilligen gab und musste trotzdem nicht mein Reisebedürfnis aufgeben. Das ist nicht selbstverständlich, das weiß ich sehr zu schätzen. Nur für kurze Zeit zu kommen, motivierte mich erst recht, eine gute Arbeit zu machen. Ich versuchte, kein Projekt in Angriff zu nehmen, dass mit meinem Gehen wieder ins Leere  läuft. Ich versuchte, das Tika zu unterstützen, indem ich die Arbeit meiner Kolleg*innen unterstützte. Trotzdem fühlt es sich sehr merkwürdig kurz an, jetzt zu gehen. Gleichzeitig habe ich ein tolles Projekt kennengelernt, dass ich weiterempfehlen werde und bei dem ich mir vorstellen kann, in Zukunft noch einmal zu arbeiten, auch für längere Zeit.

Ausserdem gibt es jetzt eine Verbindung zum Bolivianischen Kinderhilfswerk. Ich freue mich darauf, bolivianische Freiwillige in Berlin zu treffen, Kontakt zu haben, und kann sicherlich auch in ein paar Angelegenheiten vermitteln. Hinzu kommt, dass mich die Arbeit von der Notwendigkeit von Partenschaften überzeugt hat. So bin ich jetzt, trotz Arbeitslosigkeit und sehr leerem Geldbeutel, motiviert eine Partenschaft zu übernehmen. Eine Partenschaft, die bis über zehn Jahre dauern könnte. Das ist natürlich ein Grund, der für die Aufnahme von nur kurz bleibenden Freiwilligen spricht. Trotzdem finde ich es an sich richtig, grundsätzlich nur länger Bleibende aufzunehmen. Ich denke, es ist gut, individuell zu prüfen, ob eine Person sich schnell gut einfinden kann, eigenverantwortliches Arbeiten und Sensibilität von vornherein mitbringt. Die Kinder öffnen sich schnell und akzeptieren, ebenfalls mit viel Vertrauensvorschuss, neue Freiwillige direkt als “Profes”. Das spricht für eine gute Arbeit der Pädagog*innen, die eine Umgebung schaffen, in der die Kinder sich wohlfühlen und gelernt haben, dass sie sich an jede*n wenden können. Ich danke dem Bolivianischen Kinderhilfswerk dafür, dass ich diese tolle und bereichernde Erfahrung machen durfte!

Alles Gute, Lilian Hartmann

Ana LämmleZwischenstopp T´ikarispa

Related Posts

12. Dezember: Individueller Freiwilligendienst

Toni hat beim BKHW in diesem Jahr einen Individuellen Freiwilligendienst gemacht. Das ist die Option für alle, die keinen weltwärts Freiwilligendienst mehr machen können (z.B. ab 29 Jahren), oder die sich für eine kürzere Zeit (ab 3 Monaten) engagieren möchten.  Hier erzählt Toni, wie er auf die Idee gekommen ist, wie es in Bolivien war