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Die Corona-Pandemie in Bolivien

Zwischen Quarantäne, Wahlen und Hoffnung

Artikel aus dem Jahresbericht 2020

Als die Menschen im Jahr 2020 Karneval in Oruro feierten, war „Corona“ ein weitentferntes Phänomen, welches niemand als ernsthafte Bedrohung sah. 2021 wurde der Karneval, eines des wichtigsten kulturellen, touristischen und ökonomischen Events, zum ersten Mal in der Geschichte abgesagt. Dies zeigt deutlich, wie fundamental die Corona-Pandemie in Bolivien die Wirklichkeit im Land auch im zweiten Jahr prägt.

Ein höchst ungewohntes Bild: Leere Straßen in Santa Cruz im März 2020

Nur vier Wochen nach dem Karneval 2020 rief die Übergangsregierung eine strikte Quarantäne aus und schottete das Land für Monate rigide ab. Restaurants, Geschäfte und Schulen wurden geschlossen, die Menschen durften nur noch einmal die Woche für wenige Stunden ihre Wohnung verlassen, Polizei und Militär patrouillierten in den Straßen (1). Für die Oberschicht war es ein Rückzug in die akklimatisierten Wohnanlagen mit Garten. Für den zahlenmäßig größeren Teil der Bevölkerung bedeutete es, mit der ganzen Familie auf dem sowieso schon beschränkten Wohnraum eingeschlossen zu sein. Zudem stellte es diese Menschen vor existenzielle Probleme. Hunderttausende, die im informellen Sektor tätig sind, z.B. Straßenverkäufer*innen, Hilfsarbeiter*innen oder Busfahrer*innen, verloren ihre einzige Verdienstmöglichkeit. Staatliche Hilfen blieben lange aus und waren sehr gering. So wurden beispielsweise im April 2020 400 Bolivianos (ca. 50 Euro) und im Mai nochmals 500 Bolivianos (ca. 60 Euro) an Bedürftige ausbezahlt (2).

Schwerwiegende Folgen der Quarantäne

Die Folgen: Hunger, Rückfall in extreme Armut, Belastung durch bestehende Kredite, steigende Zahlen häuslicher Gewalt (3). Die Furcht vor einer Erkrankung war groß, weil das Gesundheitssystem innerhalb kurzer Zeit völlig kollabierte. Für das medizinische Fachpersonal gab es kaum Schutzausrüstung, im ganzen Land waren nur etwa 400 Intensivbetten vorhanden, auch an Tests fehlte es (4). Die Letalität der Corona Erkrankten war mit bis zu 8% eine der höchsten weltweit (5). Andere Erkrankungen wurden aufgrund fehlender Kapazitäten nicht oder schlechter behandelt als zuvor (6).

Im Verlauf der totalen Quarantäne kam es zu staatlichen Übergriffen, Menschenrechtsverletzungen und der Verfolgung politischer Gegner (7). Auch die Meinungsfreiheit wurde eingeschränkt sowie Radio- und Fernsehstationen geschlossen (8). Zudem verstrickte sich die Übergangsregierung in unzählige Korruptionsskandale, unter anderem beim Kauf von Beatmungsgeräten (9). Insgesamt drei Mal wurden die angekündigten Neuwahlen mit dem Argument des Infektionsschutzes verschoben (10). Das Schuljahr, in welchem es kein Konzept für alternative Unterrichtsmodelle gab und welches schon durch den Lockdown monatelang unterbrochen war, wurde annulliert (11).

Ein neuer Präsident für Bolivien

Nachdem die erste Welle Ende September abebbte, wurden die Wahlen schließlich am 18. Oktober unter Einhaltung der Hygieneschutzverordnungen abgehalten. Das Wahlergebnis, das mit 55% für den Kandidaten Luis Arce Catacora der MAS (Movimiento al Socialismo) entfiel und den Kandidaten der Partei Communidad Ciudadana Carlos Mesa mit 28% abgeschlagen auf den zweiten Platz verwies, schockte die Gegner Evo Morales‘, die knapp ein Jahr zuvor seinen Sturz gefeiert hatten. Versuche des mit 14% Drittplatzierten Luis Fernando Camacho von der Partei Creemos einen vermeintlichen Wahlbetrug zu imaginieren, scheiterten aufgrund fehlender Beweise und mangelndem Willen des Zweitplatzierten Carlos Mesa, diesem Narrativ wie 2019 zu folgen. Auch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) konnte diesmal keine Unregelmäßigkeiten feststellen (12).

Am 8. November 2020 wurde Luis Arce Catacora als neuer Präsident Boliviens vereidigt. Der neue Präsident, im Vergleich zu Evo Morales eher zurückhaltend, sachlich und diplomatisch auftretend, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bolivien aus der Rezession zu führen, die Pandemie zu bewältigen und die Versäumnisse der Übergangsregierung aufzuarbeiten.

Die zweite und dritte Welle

Anfang Dezember 2020 stiegen die Infektionszahlen wieder rapide an und kumulierten ähnlich wie in Deutschland in der zweiten Welle. Anders als ein Jahr zuvor wurde bis zum Verfassen dieses Artikels (Mai 2021) kein strikter Lockdown ausgerufen, sondern regionale und lokale Infektionsschutzmaßnahmen umgesetzt. Das Wissen um die prekäre Lage der Bevölkerung, aber auch die Regionalwahlen im März, spielten hier sicherlich eine Rolle.

Das Gesundheitssystem offenbarte erneut seine Schwächen und konnte die Zahl der Erkrankten nicht ansatzweise bewältigen. Die formelle und informelle Wirtschaft liefen trotzdem ohne größere Einschränkungen weiter, sodass die zweite Welle für die große Mehrheit der Bolivianer*innen aus ökonomischer Sicht weniger dramatisch verlief als die erste. Angesichts der Verschuldung der öffentlichen Haushalte, der überall zu spürenden Rezession, einer politisch tief gespaltenen Gesellschaft und der Angst vor einer dritten Welle, die sich im Mai 2021 gerade aufbaut, und den sich ausbreitenden Virus-Mutationen, scheint es wenig Platz für Hoffnung zu geben. Die juristische Aufarbeitung der Amtszeit von Evo Morales und der ihr nachfolgenden Übergangsregierung wird sicherlich für weiteren Zündstoff sorgen.

Positive Nachrichten

Dennoch gibt es positive Nachrichten während dieser Corona-Pandemie in Bolivien. So erhielt Bolivien im Januar die erste Charge von 20.000 Einheiten des russischen Impfstoffes Sputnik V, weitere Lieferungen sind angekündigt. Auch Dosen des Impfstoffs Astra Zeneca und BioNTech sind gesichert, ein Teil davon wird über die COVAX Initiative der Weltgesundheitsorganisation bereitgestellt (13). Das zurückhaltende und eher sachliche Agieren des Präsidenten schont die Wirtschaft und vermeidet größere politische Auseinandersetzungen, der internationale Rückhalt eröffnet neue Kooperationen. Das Schuljahr läuft mit Unterrichtsstunden im Fernsehen, aber auch mit den Modellen rein virtuellen Unterrichts und Mischformen bei geringeren Infektionszahlen.

Auch für das Bolivianische Kinderhilfswerk e.V. sind Stabilität, Planbarkeit und Transparenz wichtig, um unser Engagement in Bolivien weiterzuführen. Nachdem nun erneut Visa für Freiwillige vergeben werden, konnten wir den Süd-Nord-Freiwilligendienst wieder aufnehmen. Die weltweiten Impfbemühungen sowie der Impfbeginn in Bolivien lassen auch auf die Wiederaufnahme des Nord-Süd-Dienstes hoffen. Die direktere und stärkere Kooperation mit unseren Partnerprojekten sowie neuen Projekten stärken unser Engagement und sind, wie der Rückgang der Infektionszahlen in Deutschland und Bolivien Zeichen der Hoffnung.

Quellen

(1) https://www.presidencia.gob.bo/index.php/prensa/noticias/1244-gobierno-dicta-cuarentena-total-para-cuidar-salud-de-los-y-las-bolivianas-en-la-lucha-contra-el-coronavirus

(2) https://www.boliviasegura.gob.bo/index.php/prevencion-y-cuidados/

(3) https://www.goethe.de/ins/bo/de/kul/sup/jdf/21953593.html

(4) https://www.dw.com/de/bolivien-corona-demos-politisches-chaos/a-54190258

(5) https://correodelsur.com/sociedad/20210126_covid-19-bolivia-tiene-la-segunda-tasa-de-letalidad-mas-alta-de-sudamerica.html

(6) https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-06/corona-pandemie-bolivien-tote-gesundheitssystem

(7) https://elpais.com/internacional/2020-04-08/el-gobierno-de-bolivia-recibe-criticas-por-amenazar-la-libertad-de-expresion-durante-la-cuarentena.html

(8) https://elpais.com/internacional/2020-03-26/el-gobierno-de-bolivia-extiende-la-cuarentena-y-amenaza-a-quien-la-incumpla-con-hasta-10-anos-de-carcel.html

(9) https://elpais.com/internacional/2020-03-26/el-gobierno-de-bolivia-extiende-la-cuarentena-y-amenaza-a-quien-la-incumpla-con-hasta-10-anos-de-carcel.html

(10) https://www.dw.com/de/bolivien-versinkt-vor-den-wahlen-in-gewalt/a-55032942

(11) https://www.dw.com/es/bolivia-anticipa-clausura-del-a%C3%B1o-escolar-por-la-pandemia/a-54409941

(12) https://www.dw.com/de/nach-den-wahlen-boliviens-linke-vor-herausforderungen/a-55327449;

(13) https://amerika21.de/2021/02/247688/bolivien-eine-million-impfstoffe

Melanie EhrlichDie Corona-Pandemie in Bolivien

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