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Deutschland: Lea manía, Obermaier, andere deutsche Kumpel und die erste Reise

Luis sollte eigentlich im September 2020 nach Deutschland reisen. Ein Land, von dem er schon so viel gehört hat und aus dem er Menschen kennengelernt hat, die ihn nicht mehr loslassen.

Mit diesem Text nahm Luis am Schreibwettbewerb „Imaginemos“ der Vertretung der Europäischen Union in Bolivien teil. Der Text erschien in der bolivianischen Tageszeitung Pagina Siete.

Wir freuen uns, euch diesen Text zeigen zu können, denn er beschreibt wundervoll, was ein weltwärts Freiwilligendienst für die Beteiligten bedeuten kann: Annäherungen von Kulturen, Freundschaften fürs Leben, Neugier auf die Welt und in jedem Falle der Blick über den Tellerrand in so vielen Aspekten.

Link zum spanischen Text

von Luis Flores Vásquez

„Wir müssen die Termine mit der deutschen Botschaft absagen.“ Am 31. August 2020 sollte eine Gruppe von rund 20 jungen Menschen [aus Bolivien] nach Deutschland abreisen. Die einjährige Reise für eine soziale Freiwilligenarbeit im germanischen Land endete abrupt, im Moment ist sie verschoben. Das Zusammentreffen der alten und der neuen Welt in der Vision der jugendlichen Zwanziger scheint zumindest vorerst (zumindest im Moment) sehr fern zu sein.

Aber wie interessiert sich ein Bolivianer aus La Paz, mit Wohnsitz in El Alto und Aymara mit Leib und Seele, für Deutschland?

Meine erste Annäherung an das Land von Nietzsche, Kant, Einstein, Goethe und Luther waren sicherlich unter anderem die Bücher. Aber der erste wirkliche Kontakt mit einem Deutschen fand in der frühen Kindheit statt, in der ersten Messe meines Lebens, in der ersten Nachbarschaft, die ich in El Alto wirklich kannte: der Villa Adela des deutschen Paters Sebastián Obermaier.

„Beruhigt euch, beruhigt euch, beruhigt euch!“, rief der Bayer mit seiner deutschen Art den lauten Schülern verschiedener Kurse in den Schulen in der Nähe der Stadt zu. Bei jeder Messe gaben die Religionslehrer, nach der Idee und dem Auftrag des Paters, eine Anwesenheitskarte. Mit 30 davon hatte man sich eine Reise nach Achocalla oder einem anderen nahe gelegenen Ziel verdient.

Der Pfarrer war auch dafür bekannt, seine Gläubigen buchstäblich mit Weihwasser zu baden. Ein Zauberstab im Moppstil war sein Werkzeug, um den Segen weiterzutragen. Einer seiner Ministranten rannte um Nachschub zu holen, um den Eimer in Obermaiers Hand wieder zu füllen.

Ich ging so viele Sonntage zu dieser Messe, um meine Freunde von der Schule zu sehen, Anwesenheitsmarken zu sammeln, das Mädchen zu treffen, das mir nicht mehr aus meinem Kopf ging, um … Die Erinnerungen sind gut. Später, als ich meine Karriere als Musiker begann, spielten wir mit ein paar Freunden Kirchenlieder für Obermaier. Es war ein Test des Todes, wenn ein Instrument verstimmt war oder jemand schlecht spielte, sagten sie uns sofort, wir sollten aufhören zu spielen.

Es war ein Charakter, Obermaier.

Ich erinnere mich an ihn besonders durch seine großartigen Taten und Versuche, das Leben der Menschen in El Alto in den 80ern, 90ern und 2000ern bis zu seinem Tod im Jahr 2016 zu verbessern. Er hinterließ einen Fernsehkanal, ein Heim für verwaiste Kinder, ein Altenheim, ein Jugendzentrum, die Kampagne für das Lächeln des Alteño-Kindes und mehr.

Aber die Deutschen kamen immer wieder in die höchste Aymara-Stadt der Welt!

Als ich mit der Schule fertig war, trat ich dem Ayllu K’alaqaya Kulturzentrum bei, einem Nest aus Musikern, Malern, Schauspielern, Tänzern, Künstlern im Allgemeinen und anderen Gleichgesinnten. Dort haben wir in Zusammenarbeit mit einer deutschen Organisation die erste Freiwillige aus diesem Land aufgenommen: Lea Kessler.

Luis und Lea

Lea Mania, das Anagramm Deutschlands [Alemania], ist die einfachste Erklärung von ihr. Heute, sechs Jahre nach ihrem Besuch in Bolivien im Jahr 2014, erinnern sich sogar Freunde des Kulturzentrums an sie: aktiv, lustig, eine gute Freundin … Sie begann die K’alaqaya-Manie, um Bolivien und Deutschland zu vereinen.

„La Lea“ organisierte die deutsch-bolivianischen Feste in El Alto, eine Bad-Taste-Party, brachte uns mit deutschen Gerichte und andere Aktivitäten ihre Heimat nahe. Der Kontakt zu meiner deutschen Freundin bleibt auch heiute erhalten. Erst vor ein paar Tagen rief sie zum Beispiel an, um zu sehen, dass niemand an dem Coronavirus erkrankt ist.

Außerdem sollte die „Lea Manía“ uns ihren deutschen Freunden und Freundinnen vorstellen, letztere wurden von uns Musikern aus K’alaqaya mit etwas größerer  Begeisterung begüßt. Es fehlte weder Musik noch Tanz, noch flüchtigen Lieben und Herzensbrüche. Dort trafen wir uns und knüpften eine diplomatische Beziehung zu den deutschen Freunden: Catherine (jetzt Spanischlehrerin in ihrem Land), Alina, Anton (ein großer Liebhaber bolivianischer Politik), Marit (oh, Marit – seufz – ), der Niklas, der Concha (so hieß er), der Philipp (heute mit einer schönen bolivianischen Frau verheiratet) und viele, viele andere.

Einmal zog die Deutsche Botschaft in Bolivien nach El Alto, in das Kulturzentrum Ayllu K’alaqaya. Wir brachten ihnen bei, Challar zu spielen, Coca zu pflücken, Cumbia, Cueca, Morenada zu tanzen….Bolivianer zu sein. Sie erzählten uns von der deutschen Pünktlichkeit, von den großen Städten, von den Unterschieden, die sie bei ihrer Ankunft in Lateinamerika sahen, sie lehrten uns Wörter auf Deutsch und ermutigten uns, ihr Land kennenzulernen.

Auf diese Weise wurde eine bürgerliche Diplomatie zwischen Bolivien und Deutschland gefestigt. Schließlich jedoch war es war notwendig, dass der Bolivianer auch einmal  die deutschen Lande besuchen würde. Am 31. August hätte der andere Teil dieser Geschichte fortgeschrieben werden sollen, aber leider gab es noch keine Daten für die Erteilung von Visa an Lateinamerikaner.

Es gibt immer Wege, das stimmt.

Vor ein paar Tagen lernte ich den Fluss Rhein kennen, ging am Ufer entlang und sah den Sonnenuntergang am Horizont von Köln. Nun gut, es war ein Videoanruf mit meinem Freund Anton Flaig, während wir über die bolivianische Politik diskutierten. Er zeigte mir auch die Landschaft der Stadt aus dem zehnten Stock seines Studentenzimmers an der Universität zu Köln.

In einem weiteren Videoanruf mit meiner Freundin Lea habe ich die Straßen von Mainz kennengelernt. Ein Anruf, der einige Stunden dauerte, wir uns an viele Anekdoten aus Bolivien erinnerten und uns diejenigen vorstellten, die während des Deutschlandbesuchs geschehen würden. „Ich heiße Luis, komme aus Bolivien und bin 28 Jahre alt“, stammelte ich beim Lernen. Die deutsche Sprache ist schwerwiegend [grave].  

Außerdem haben wir in dem Videoanruf mit meiner Freundin vereinbart, Weihnachten in Deutschland gemeinsam zu verbringen und dass sie mich ihren deutschen Single-Freundinnen vorstellen würde: ein Versprechen, von dem ich hoffe, dass es eingehalten wird. Vielleicht nicht dieses Weihnachten (vielleicht doch?), aber es könnte auch das nächste im Jahr 2021 sein. Nun, wenn das Leben und die Götter es erlauben, haben wir noch viele Weihnachten übrig, nicht wahr? So soll es geschehen. Am Ende bleibt die Verbindung zwischen Deutschland und Bolivien aufgrund von „Lea manía“, dem Obermaier, den anderen deutschen Freunden und der ersten Reise (die uns noch erwartet). \\

Melanie EhrlichDeutschland: Lea manía, Obermaier, andere deutsche Kumpel und die erste Reise

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